"Schlimmeres Unheil verhindern"
Sein falsches "Dementi" erklärt Juncker folgendermaßen:
"Die Nervosität der Finanzmärkte ist der Grund dafür, weshalb dieses Treffen nicht angekündigt wurde. Wir hatten eine Sitzung der Eurostaaten einberufen, die gleichzeitig Mitglied der G7 und der G20 sind. Wenn wir diese Sitzung außerhalb der normalen Eurogruppe-Sitzung angekündigt hätten, wären sofort wilde Spekulationen losgegangen, worüber wir da denn reden.
Es sollte aber keine Panik-Sitzung, sondern eine schon längere Zeit ins Auge gefasste Sitzung, von der wir dachten, man müsse sie nicht ankündigen, um jede Art von Spekulation auf den Finanzmärkten zu verhindern. Als wir mit der Sitzung begonnen hatten, kam die Meldung, dass die Fünf – Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Griechenland – zusammensäßen, um über den Ausstieg Griechenlands aus der Eurozone zu beratschlagen. Als diese Meldung fiel, habe ich dementieren lassen, dass eine Eurogruppe-Sitzung stattfindet und habe ich auch dementieren lassen, dass wir über diese Frage reden."Unser Regierungschef gibt also ganz offen zu, dass er wider besseres Wissen dementierte bzw. hat dementieren lassen. Offen lässt er damit jedoch die sehr nahe liegende Frage, ob er und alle anderen beteiligten Politiker nicht zumindest eine Mitverantwortung dafür tragen, dass ein falscher Eindruck über den geheim gehaltenen Inhalt des Treffens entstehen konnte.
"Dieses Dementi musste kurz, schnell und bündig sein. In New York waren die Finanzmärkte noch geöffnet, und in Asien gingen sie Stunden später auf. Hätte ich das als Gerücht in der Landschaft stehen lassen, wäre es zu verheerenden Folgen an den Finanzmärkten gekommen."Das Problem sei nämlich nicht die Geheimhaltung an sich oder die mangelnde Kommunikation im Vorfeld gewesen, sondern letztlich... die Medien...
"Allein das über Spiegel-Online verbreitete Gerücht hat ja schon dafür gesorgt, dass der Euro innerhalb kürzester Zeit an Wert verloren hat. Also habe ich entschieden zu dementieren, um schlimmeres Unheil zu verhindern, und habe gleichzeitig nach der Sitzung eine kurze Presseerklärung vor den anwesenden Journalisten abgegeben, um die Meldung auf ihren eigentlichen Bestand zurückzuführen."Ein Treffen, dass nachweislich stattfand, ja "schon längere Zeit" geplant war, zu dementieren soll also die einzige Möglichkeit gewesen sein, den Wertverlust des Euro und weitere verheerende Spekulationen zu stoppen?
"Das Dementi hat viele Spekulationen verhindert. Es war im Interesse der Menschen, die den Euro als gemeinsame Währung haben."So weit so gut... Noch nicht ganz, denn:
"Man muss sehr fein abwägen: Was ist die reine Wahrheit und was macht man mit der Wahrheit, wenn man die Sitzung bestätigt?"Wenn es um "Wahrheit" (..."und Recht") geht, wird das "Wort" natürlich hellhörig...
"Besteht nicht die Gefahr, dass die eigene Glaubwürdigkeit untergraben wird?"
"Ich kann das nicht ganz ausschließen. Ich frage nur, wie wäre denn die Darstellung in der internationalen Presse gewesen, wenn ich sang- und klanglos ein derartiges Treffen ohne ein weiteres Hinzufügen von den eigentlichen Gründen bestätigt hätte? Ich kann doch nicht während der laufenden Sitzung rauslaufen."Zunächst die Übersetzung aus der Politiker-Sprache ins Deutsche: "Ich kann das nicht ganz ausschließen" bedeutet im Zweifelsfall einfach: Ja. Es ist dies die Verteidigungsstrategie eines längst überführten und, wie dieses Interview eindrucksvoll belegt, offen geständigen "Überzeugungsdementierers".
Was sollte ich denn schon tun? Ich hatte doch nur die Wahl zwischen: Wider besseres Wissen dementieren oder "sang- und klanglos", "ohne ein weiteres Hinzufügen von den eigentlichen Gründen" bestätigen... Da muss man manchmal eben ein bisschen "fein abwägen", "im Interesse der Menschen" versteht sich...
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen