24.05.2011

Das 11. Gebot

Unser Premierminister hat sich wieder zu Wort gemeldet. Nach all der Aufregung um das sogenannte "Geheimtreffen" der EU-Finanzminister auf Schloss Senningen spricht er in der aktuellen Ausgabe des "SPIEGEL" Klartext.

Allein der Titel des Interviews lässt natürlich aufhorchen:



Noch interessanter, als die bekannten Durchhalteparolen zur Zukunft des Euro, sind aber Junckers Aussagen zu seinem umstrittenen "falschen Dementi".
Besonders originell beginnen die Journalisten vom "SPIEGEL" das Gespräch:
"SPIEGEL: Herr Premierminister, Sie sind Christdemokrat und Katholik, deshalb wollen wir mit Ihnen über die Zehn Gebote sprechen.
Juncker: Ich ahne schon, worauf Sie hinauswollen.
SPIEGEL: Kennen Sie das achte Gebot.
Juncker: Sicherlich. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
SPIEGEL: Das nehmen Sie offenbar nicht so ernst. Vor gut zwei Wochen haben Sie einen Bericht von SPIEGEL ONLINE über das Geheimtreffen einiger EU-Finanzminister zur Lage in Griechenland dementiert, obwohl in Luxemburg schon die Staatskarossen vorfuhren.
Juncker: Das wichtigste Gebot verlangt, anderen keinen Schaden zuzufügen. Das findet sich zwar so nicht unter den Zehn Geboten, lässt sich aber daraus ableiten..."
Junckers "elftes Gebot" lässt sich also ganz einfach aus den anderen zehn ableiten und lautet sinngemäß: Du sollst zwar nicht lügen, aber du kannst es trotzdem, wenn du damit verhindern kannst, dass anderen geschadet wird.
"Weil die Finanzmärkte in Europa noch nicht geschlossen waren und auch der Handel an der Wall Street noch lief, mussten wir die Existenz des Treffens leugnen."
Diesem offenen Schuldeingeständnis folgt jedoch prompt der Gegenangriff:
"Andernfalls wäre der Kurs des Euro gegenüber dem Dollar, der ja wegen Ihrer Meldung schon gesunken war, katastrophal abgestürzt."
Politiker lügen also nur, wenn SPIEGEL ONLINE vorher für eine Absenkung des Euro-Kurses gesorgt hat. Wenn es aber um seine eigene Arbeit geht, hakt der kritische SPIEGEL-Journalist schon mal nach...
"Wollen Sie damit sagen, dass man als Finanzminister im Zeitalter globaler Kapitalmärkte den Menschen nicht mehr die Wahrheit sagen darf?"
...und erhält eine, selbst im Maßstab der legendären öffentlichen Äußerungen unseres Regierungschefs, durchaus erstaunliche Antwort:
"Ich habe auf Ihre Frage keine schlüsselfertige Antwort. Mein Hauptaugenmerk ist darauf gerichtet, die Menschen vor Nachteilen zu bewahren. Deshalb bin ich geradezu gezwungen, dafür zu sorgen, dass keine gefährlichen Gerüchte in Umlauf kommen."
Zur Unwahrheit "geradezu gezwungen"... Was sagt denn bitte der "Christdemokrat und Katholik" im Politiker Juncker dazu?
"Wegen eines falschen Dementis renne ich jedenfalls nicht sofort zu meinem Beichtvater. Der liebe Gott versteht von den Finanzmärkten mehr als viele, die darüber schreiben."



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