29.08.2012

"Überläufer und Verräter"


In der Tageszeitung T. aus E.s.A. (Nr. 163, S. 18) knöpft sich der Kollege R.Z. unter der Überschrift "J’aime la trahison, mais je déteste le traître" die "politischen Überläufer und Verräter" vor. So bezeichnet der Autor gewählte Volksvertreter, die unter Missachtung des sakrosankten Wählerwillens und der demokratischen Spielregeln nach Wahlen ihre Partei verlassen oder gar wechseln.

Er empfiehlt, der Gesetzgeber sollte sich um diesen Abschaum kümmern, wobei er jedoch versäumt, ein Strafmaß vorzuschlagen. Da die Todesstrafe nun seit längerer Zeit abgeschafft ist und somit Galgen, Guillotine oder Vierteilen nicht mehr in Frage kommen, könnte man sich die Wiedereinführung des Prangers, des Spießrutenlaufens oder zumindest der Zwangsarbeit für diese Missetaten vorstellen.

So viel zum Inhalt. Was die Form angeht, so dürfte es zutreffen, dass "die Glaubwürdigkeit in (?) die Politiker im Besonderen und in (?) die Politik im Allgemeinen ... absackt". Dass sie aber "in demselben Maße absackt wie die Politikmüdigkeit und -verdrossenheit" war wohl nicht so gemeint, denn wer könnte schon etwas gegen den Rückgang der Politikverdrossenheit haben?

Schließlich sei angemerkt, dass das als Titel gewählte Zitat nicht "vor etwas mehr als 200 Jahren ... von Kaiser Napoleon I. aus (?) Frankreich" (vermutlich Wikipedia), sondern laut zuverlässigeren Zitatensammlungen vor etwas mehr als 2.000 Jahren von einem gewissen Gaius Iulius Caesar aus Rom in die Welt gesetzt wurde (das Original laut Plutarch: "Proditionem amo, sed proditores non laudo").

"Satzschachteln und Buchstabenburgen"


Im Volksmund heißen sie "Bandwurmsätze". In seinem Standardwerk "Deutsch für Profis" bezeichnet sie der deutsche "Journalistenpapst" Wolf Schneider  als "Satzschachteln und Buchstabenburgen" und führt u.a. Jean Paul ("Die Probe der Güte ist, dass der Leser nicht zurückzulesen hat") und Arthur Schopenhauer ("Nichts ist leichter als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht") als Referenzen an.

In einer Tabelle listet Schneider auf, aus  wie vielen Wörtern ein noch verständlicher Satz bestehen sollte: Obergrenze der erwünschten bzw. erlaubten Satzlänge bei dpa: 20 bzw. 30 Wörter; durchschnittliche Satzlänge in der Bild-Zeitung (12),  im Johannes-Evangelium (17), im "Doktor Faustus" von Thomas Mann (31) und im "Tod des Vergil" von Hermann Broch (92).

In der Tageszeitung J. aus L. übertreffen die Leitartikler N.D. und P.St. mit ihren Spitzenwerten mühelos Thomas Mann und bisweilen auch Hermann Broch und stellen damit  Verständnis, Interesse und Geduld des Lesers auf eine harte Probe. Hier scheint ein Wettbewerb um den längsten Satz in der luxemburgischen Tagespresse im Gange zu sein, bei dem die Führung häufig wechselt. Ein ganzer Absatz, der aus einem vielfach verschachtelten Satzungeheuer besteht, ist keine Seltenheit, und man wartet gespannt auf den Tag, an dem der gesamte Leitartikel nur noch einen einzigen Satz umfasst.

Diesem Idealziel am nächsten kommt bisher die Kollegin A.D., die es im ersten Satz ihres Leitartikels ("Banal") auf sage und schreibe 243 Wörter und 1516 Zeichen (!!!) bringt:

"Während die Affäre Wickringen/Liwingen immer buntere Blüten treibt und sich zeigt, wie erfolgreich es der Regierungsklasse und ihren Parteien gelungen ist, die politische Aufarbeitung der Geschichte zu verhindern und sie gänzlich auf die Frage zu reduzieren, wer wen wann verleumdet, beleidigt, ihm übel nachgeredet oder vielleicht doch nur im Rahmen der parlamentarsichen Kontrollarbeit begründete und allgemeine Verdachtsmomente ausgesprochen hat, während wir fast im Tagesrhythmus beleidigte Männer erleben, die sich ungerecht angeklagt fühlen – der Premierminister beendete seine Aufklärungsrede im Parlament ja schon mit der völlig sachfremden Feststellung, wer ihn für korrupt halte, sollte doch seinen Rücktritt fordern, obwohl kein Mensch auch nur im Entferntesten einen solchen Verdacht geäußert hat, schließlich wissen und glauben wir ja auch alle spätestens seit der Anhörung im vergangenen November, dass er keine Kontakte zu gewissen Milieus pflegt und wissen jetzt, dass er ja nur versucht hat, im Namen der Landesplanung Gutes zu tun, als er das kleine Projekt Wickringen zu verhindern suchte, indem er zwei Unternehmer zusammenbrachte, damit sie zusammen ein vielfach größeres, noch viel landesunplanerisches Projekt realisieren können -, während wir zudem berichtet bekommen, dass irgendein Minister einem Unternehmer angedroht haben soll, ihm „das Genick zu brechen“ und uns erzählt wird, dass ein solch rauer Umgangston Gang und Gäbe im Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaftswelt ist, während sich der politische Umgang also ganz offensichtlich immer mehr „kriminalisiert“, sollte man sich da wirklich noch wundern, wie gesellschaftspolitische Themen, vor allem wenn sie Frauen- und Kinderrechte anbelangen, derzeit abgehandelt werden?"

N.B.: Wolf Schneider zufolge sollen journalistische Texte übrigens korrekt, verständlich und interessant sein. Na, denn!

Siehe auch: "Opgepickt..."

Gedenket des Genitivs!


Vor einigen Jahren hat Bastian Sick seinen Bestseller "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" veröffentlicht. In der Tageszeitung T. aus E.s.A. (Nr 163, S. 10) zieht ein Autor endlich eine logische Konsequenz aus dieser Diagnose: In dem Artikel "60 Staatsanwälte im Parlament" wird die Genitiv-Endung schon mal komplett abgeschafft.

Beispiele: "Das Parlament fühlt sich unwohl in der Rolle des Staatsanwalt". Oder, gleich im Doppelpack: "Nur das Parlament kann über die Aufhebung der Immunität eines Minister oder eines Ex-Minister entscheiden" (sic, wenn auch nicht Bastian Sick).

Angesichts dieses Übergriffs und eingedenk des bisherigen guten Sprachgebrauchs ist es dringend geboten,  eine Initiative "Gedenket des Genitivs" o.ä. zu starten, die sich des Gebrauchs dieses bedrohten Kasus befleißigt und sich seiner möglichst häufig bedient. Außerdem sollte man sich derer annehmen, die sich des Genitivs erwehren und sich seiner gar zu entledigen trachten.

In diesem Sinne: Freuen wir uns weiterhin des Lebens (einschließlich des Genitivs).

27.08.2012

Opgepickt...


Ein bisher nicht ausreichend gewürdigtes Phänomen in Luxemburgs Zeitungen ist das Bilden langer, und damit unnötig umständlicher, um nicht zu sagen akut unverständlicher Sätze, die sich am Anfang noch ganz nett und interessant anhören, denen ab der Mitte und zum Ende hin aber etwas die Luft ausgehen, und die mithilfe von dutzenden Kommata und ein bisschen Wohlwollen auch noch viel länger sein könnten, gäbe es da nicht die natürlichen Grenzen, wenn schon nicht der menschlichen Vernunft, so doch der zeitungs- und insbesondere layoutstechnischen Machbarkeit.

Wem dieser Satz schon zu lang und anstrengend war, dem seien die weitaus authentischeren Werke der unangefochtenen Meister in dieser Disziplin der Bildung schier endlos scheinender Schachtelsätze ans Herz gelegt:
"Die Statistikbehörde hat mit seiner rezenten Veröffentlichung aber auch das Ergebnis einer Studie bestätigt, die vor einigen Monaten von der Handelskammer veröffentlicht worden war im Zusammenhang mit der weiter zunehmenden Rolle, die nicht nur ausländische Anleger und Geldgeber, sondern vor allem auch Arbeitskräfte aus den benachbarten Grenzregionen sowie aus mittlerweile quasi allen Erdteilen im luxemburgischen Wirtschaftsgeschehen spielen, ohne allerdings einen entsprechenden Einfluss auf die politischen Entscheidungen ausüben zu können, wie die Handelskammer in ihrem Kommentar zur Studie ausdrücklich unterstrichen hat." (Link)
"Genau in dieser Globalisierung des Geschäftes, in dem gerade auch Luxemburg mit seinen weit über Europa hinaus vermarkteten UCITS-Produkten eine absolute Spitzenposition erlangen konnte, liegt jetzt aber auch eine wesentliche Sorge der Fondsindustrie, die zwar schnell wieder aus der Finanzkrise heraus gekommen war, die aber nun unter der weit verbreiteten Regulierungswut genau so zu leiden haben dürfte, obwohl nur ein Teil des Fondsgeschäftes mit den üblichen Risiken behaftet sind, während besonders die von Luxemburg aus vermarkteten so genannten UCITS-Fonds gewissermaßen Massenprodukte darstellen, die besonderen Wert legen auf Transparenz, Risikoabsicherung und Anlegerschutz." (Link)
"Die seit gestern in Karlsruhe verhandelten Einwände von Bürgern, Parteien und Interessengruppierungen gegen das von Bundestag und Bundesrat mit großer Mehrheit von (fast) allen Parteien verabschiedete Engagement zur Unterstützung des Euro-Stabilitäts-Mechanismus (ESM) als Grundlage des nachhaltigen Rettungsschirms für die in finanzieller Schieflage befindlichen Euro-Mitgliedstaaten, gehen diesmal weit über den gewohnt nationalen Wirkungskreis der in Karlsruhe üblicherweise verhandelten Streitpunkte hinaus, aber sie müssen allem Unbill zum Trotz, der von ihnen ausgehen könnte, als Teil des politischen Entscheidungsprozesses der Bundesrepublik Deutschland gewertet werden." (Link)
"Pünktlich zum Beginn des Ramadan, dem islamischen Fastenmonat, endete gestern auch der diesjährige Reigen der so genannten Umtrunksbilanzessenspressekonferenzen, bei denen die im Parlament vertretenen Parteien traditionell kurz vor Beginn der parlamentarischen Sommerpause bei einem (wie der Name es schon vermuten lässt) Umtrunk und einem Essen, will heißen, in ungezwungener Atmosphäre Bilanz über die zurückliegende Kammersession ziehen und einen ersten Ausblick auf ihre Prioritäten bei der Rentrée im Herbst zu geben versuchen." (Link)







15.08.2012

Verwöhnung des Lesers

Noch ein kleiner Nachtrag aus vergangener Zeit:

Was zurzeit (leider immer weniger...) in einer bestimmten luxemburgischen Zeitung passiert, ist, gelinde gesagt, eine "Verwöhnung" des Lesers...:













"Privat" korrigiert

Aus irgendeinem Grund hat „Privat“ verstärkt die "Medienkritik" für sich entdeckt...

"Von Bürgemeisterposten, Protetion Civile, Aktitivtäten und Identiät - Laisser-aller beim Fehlerteufel in der Bistumszeitung (II)"

Dass "Privat" selbst eigentlich unangefochtener Luxemburger Meister des Faches der Schlechtschreibung ist, tut rein gar nichts zur Sache.

Unter Blinden ist der Einäugige bekanntlich König; was die Blinden jedoch nicht davon abzuhalten scheint, in ihrer optischen Unwissenheit die Ein- bis Zweiäugigen scheinheilig zu belehren:
"Dies alles stammt aus den Nachrichten der letzten Tage von "wort.lu". Jeder schreibt eben Fehler..."
Ja, und manche selbstbewussten "Zeitungen" schreiben sogar ganz, ganz viele Fehler... und scheuen sich dennoch nicht, anderen Zeitungen Rechtschreibfehler vorzuhalten.

Wobei bei "Privat" schon ein einziger Fehler, ein falscher Buchstabe ausreicht, um in Rechtschreib-Verruf zu geraten...

Man konzentriert sich bei dieser Kritik wohl nur auf die kleinen Fehler-Fische; die großen Hämmer produziert man dann doch lieber selbst in der eigenen Redaktion...

(p.s.: hiermit aber genug „Privat“-Watch fürs erste!)